Psychosomatik ist so alt wie die Kunst des Heilens selbst.
Ärztliches psychosomatisches Arbeiten heißt, Seele, Geist und Körper ganzheitlich in ihren komplexen Zusammenhängen zu verstehen suchen und Behandlungspfade zu erarbeiten. Als psychosomatisch können alle Krankheiten bezeichnet werden, die nur dann zureichend diagnostiziert und behandelt sind, wenn sie in ihrem bio-psycho-sozialen Bedingungsgefüge gesehen werden.

Durch die beeindruckende Technisierung der Medizin in den letzten Jahrzehnten wird zwar dem Körper als Objekt enorme Aufmerksamkeit geschenkt; dem Körper als leidendem Subjekt jedoch deutlich zu wenig. Es besteht nicht selten eine Dysbalance zwischen den Ergebnissen aufwändiger technischer Diagnostik und den daraus resultierenden therapeutischen Angeboten.

Körperliche Beschwerden als Zeichen von Krankheit sind entweder Ausdruck einer strukturellen Störung von Organen bzw. Organsystemen oder Ausdruck der gestörten Funktion von Organen, d.h. funktioneller Natur. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Kranken, die den Arzt in der Praxis aufsuchen, leiden an funktionellen Störungen.

Das Wissen um die – oft rätselhaften – Zusammenhänge zwischen Körper und Seele ist das Spezialgebiet des Facharztes für Psychosomatische Medizin. Es beinhaltet das Wissen um pathophysiologische Modelle von Beschwerden und Krankheit einerseits und zum anderen das Wissen um die Bedeutung von Symptomen als Zeichen.

Zeichen, die vor dem Hintergrund der spezifischen Lebensgeschichte eines Menschen mit seinen individuellen Erfahrungen und daraus entwickelten Verhaltensmustern in ihrer biologischen, psychischen und sozialen Zusammenhängen verstanden sein wollen.
Körperliche Beschwerden sind also nicht nur Zeichen, die auf ein schmerzendes Organgeschehen verweisen. Es gilt, sie als Spuren mit Ausdruckscharakter aufzufassen, die entschlüsselt werden müssen, um den Zusammenhang zu verstehen, auf den sie verweisen; sie müssen interpretiert und gedeutet werden.

Diagnostik ist dann "ein Entziffern von Zeichen, die der Patient auf einer körperlichen, einer psychischen, einer sozialen Ebene sendet und die adäquate Antworten verlangen." Dies ist das Gebiet psychosomatischer Diagnostik, die – im Vertrautsein mit den Vorgängen im Körper und seinen vielfältigen Störungsmöglichkeiten – Hand in Hand gehen sollte mit der somatisch-technischen Diagnostik und Differentialdiagnostik. Entsprechend der Definition von Diagnostik heißt Therapie dann, "Antworten zu geben, die dem Patienten zeigen, dass die Zeichen, die er sendet, verstanden werden." (v. Uexküll 1995)